Festivali Netët e Bejkës së Bardhë Pilur   Shoqata Bashkimi

Von der Schweiz nach Pilur – als die «Shqiponjat» in der Heimat des Liedes tanzten
Netët e Bejkës së Bardhë në Pilur – një skenë me histori dhe emocion

Es gibt Reisen, die in Kilometern gemessen werden. Und es gibt Reisen, die sich in Emotionen, Erinnerungen und Wurzeln messen. Für die Tänzerinnen und Tänzer der Gruppe «Shqiponjat» des Kulturvereins Bashkimi war die Reise von der Schweiz nach Pilur genau eine solche Reise.

Auf Einladung aus Pilur nahm die Gruppe «Shqiponjat» des Albanischen Vereins Bashkimi an der 7. Ausgabe des polyphonen Festivals «Netët e Bejkës së Bardhë» in Pilur teil – eine besondere Begegnung mit Gesang, Tanz und Tradition an einem der bedeutendsten Orte der albanischen Polyphonie.

Eine Reise, die bereits Monate zuvor begonnen hatte
Für uns war Pilur nicht einfach nur eine weitere Bühne.

Die Vorbereitungen hatten bereits Monate zuvor begonnen – mit Proben, grossem Engagement und vielen Emotionen. Wir wussten, dass wir bestens vorbereitet nach Pilur reisen mussten, denn dort, im Geburtsort des grossen Lefter Çipa, würden wir einen Tanz aufführen, der eigens ihm gewidmet wurde.
Ein Werk des renommierten Choreografen Genc Kastrati, zur Komposition von Sokol Marsi und zu den eindrucksvollen Worten von Lefter Çipa.
Dieses Werk zu tanzen, ist emotional.
Es jedoch in Pilur zu tanzen – dort, wo Lefter Çipa geboren wurde, vor Menschen, die diese Tradition kennen und leben – ist etwas ganz anderes.
Es ist Verantwortung. Es ist eine Ehre. Es ist eine Begegnung zwischen der Kunst und jenem Ort, an dem sie eine noch tiefere Bedeutung erhält.
Himara, Porto Palermo und die Stunden vor Pilur
Am 11. September erreichte unsere Gruppe Himara, wo wir den Abend verbrachten und uns vor dem grossen Tag erholten.
Am nächsten Tag führte uns unsere Reise weiter nach Porto Palermo. An einem der schönsten Orte der albanischen Küste, bei der Festung von Ali Pascha, entstand gemeinsam mit Studio Belani aus Saranda ein besonderes Fotoshooting.
In unseren albanischen Trachten, zwischen den alten Steinen der Festung, dem Meer und der Landschaft des Südens, entstanden Erinnerungen, die uns noch lange begleiten werden.
Doch die grössten Emotionen sollten uns erst am Abend erwarten.

Auf dem Weg nach Pilur

Gemeinsam machten wir uns auf den Weg nach Pilur.
Ein kleines Dorf inmitten der Berge, dessen Name jedoch weit grösser ist als der Ort selbst.
Wir kamen nicht nur dorthin, um aufzutreten.
Wir kamen, um zuzuhören.
Um zu sehen.
Um zu fühlen.
Und vor allem, um zu lernen.
Den polyphonen Gesang der Labëria ausgerechnet in Pilur zu hören, gesungen von Menschen, die ihn von Generation zu Generation weitergegeben haben, ist ein Erlebnis, das sich nur schwer in Worte fassen lässt.
An diesem Abend kam auch der Regen. Ein kleines Unwetter schien das Fest unterbrechen zu wollen.
Doch der Gesang verstummte nicht.
Denn vor dem Regen kann man sich unter einem Dach schützen.
Doch den jahrhundertealten albanischen Gesang kann nichts aufhalten.
In Pilur hallte der Vënçe-Gesang weiter – so, wie er bereits seit Generationen dort erklingt.
Zwei junge Menschen aus der Schweiz, ein labeischer Gesang in Pilur
Dann kam einer jener Momente, die uns noch lange in Erinnerung bleiben werden.
Bevor unsere Tänzerinnen und Tänzer die Bühne eroberten, sangen Flutur Bytyqi und Akil Tahiri das labeische Lied «Baluket e ballit moj».

Flutura mit Wurzeln in Gjakova.
Akil mit Wurzeln in Tetova.

Beide in der Schweiz geboren und aufgewachsen.
Und an diesem Abend sangen in Pilur zwei junge Menschen aus der albanischen Diaspora labeische Lieder.
Vielleicht haben wir gerade dort am deutlichsten verstanden, was es bedeutet, unsere Kultur zu bewahren.
Denn Tradition bewahrt man nicht nur, indem man über die Vergangenheit spricht.
Tradition lebt, wenn eine neue Generation sie in die eigenen Hände nimmt und weiterträgt.
Von Gjakova und Tetova, Prishtina und Gjilan, Drenica und Shkup – in der Schweiz geboren und bis nach Pilur gereist, um die Lieder der Labëria zu singen. Ein schöneres Bild unserer gemeinsamen albanischen Kultur kann man sich kaum vorstellen.

Und dann … gehörte die Bühne unseren «Shqiponjat».

Zum Abschluss des Festivals, als letzte Gastgruppe, kam unser Moment.
Die Tänzerinnen und Tänzer der «Shqiponjat» betraten die Bühne mit zwei Tänzen, die eigens für diesen Auftritt vorbereitet worden waren.
Darunter auch «Zoga kaçake në mal».
Das Publikum empfing unsere Gruppe mit aussergewöhnlicher Begeisterung. Für viele der Anwesenden war es etwas Besonderes zu sehen, wie eine Gruppe aus der Schweiz auf der Bühne von Pilur albanische Tänze präsentierte, die mit so viel Hingabe, Disziplin und Liebe einstudiert worden waren.
Doch hinter jedem Schritt an diesem Abend steckte weit mehr als nur Choreografie.
Dahinter lagen monatelange Proben.
Dahinter standen Opfer und Verzicht.
Dahinter standen junge Menschen, die Tausende Kilometer von den Orten entfernt leben, aus denen ihre Familien stammen, und dennoch die albanische Kultur lebendig halten.
Und genau das war der grösste Erfolg dieses Abends.
Nicht der Applaus.
Nicht die Bühne.
Sondern die Tatsache, dass die in der Schweiz geborene Generation die albanische Kultur übernimmt, sie erlernt und mit Würde repräsentiert – aus der Schweiz, aber mit ihren Wurzeln im Herzen.
Seit mehr als drei Jahrzehnten verfolgt der Kulturverein Bashkimi eine Mission, die heute eine noch grössere Bedeutung erhält: Unsere Kinder und Jugendlichen sollen, auch wenn sie fern der albanischen Heimat geboren werden und aufwachsen, nicht fern ihrer Kultur aufwachsen.
Denn Kultur wird nicht von selbst weitergegeben.
Sie muss erlernt werden.
Sie muss gepflegt werden.
Sie muss erlebt werden.
Und vor allem muss sie weitergegeben werden.
Wir möchten nicht, dass unsere Kinder Albanien, Kosovo, Nordmazedonien und die anderen albanischen Gebiete nur aus den Erzählungen ihrer Eltern und Grosseltern kennen.
Wir möchten, dass sie ihre Kultur durch die Schritte des Tanzes, den Klang der Musik, den Gesang, die Sprache, die Tracht und die Geschichte kennenlernen, die all dies in sich trägt.
Wir möchten, dass ein in der Schweiz geborenes albanisches Kind, wenn es eine albanische Tracht anzieht, weiss, dass es nicht einfach nur ein schönes Kleidungsstück trägt.
Es trägt ein Stück Geschichte.
Wenn es tanzt, soll es wissen, dass es nicht nur einige Schritte lernt.
Es führt eine Tradition weiter.
Und wenn es ein altes albanisches Lied singt, soll es verstehen, dass seine Stimme das jüngste Glied einer Kette ist, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde.
Genau deshalb hatte Pilur für uns eine so grosse Bedeutung.
Denn an diesem Abend sahen wir nicht nur, was wir bewahrt haben.
Wir sahen, was wir an die nächste Generation weitergeben.
Auf der Bühne von Pilur standen junge Menschen, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind. Junge Menschen, deren Familien aus verschiedenen albanischen Regionen stammen, die auf der Bühne jedoch weder durch Grenzen noch durch Dialekte oder Herkunftsorte getrennt waren.

Was sie verband, war die Kultur.
Was sie verband, war der Gesang.
Was sie verband, war der Tanz.
Was sie verband, war ihre albanische Identität.

Und vielleicht ist genau das eines der schönsten Bilder, das die albanische Diaspora schaffen kann: dass die zweite und dritte Generation nicht nur Erben einer Kultur sind, sondern selbst zu ihren Trägern werden.
Eines Tages werden sie an der Reihe sein.
Wir, die heute den Kulturverein Bashkimi führen, organisieren, unterrichten und uns für ihn einsetzen, wissen, dass auch wir eines Tages die Bühne verlassen werden.
Das ist der natürliche Lauf der Generationen.
Doch unser Ziel ist es, dass die Bühne an diesem Tag nicht leer bleibt.
Sie sollen dort stehen.
Die Kinder, die gestern zum ersten Mal zu einer Probe kamen.
Die Jugendlichen, die heute mit den «Shqiponjat» tanzen.
Jene, die heute ein Lied, einen Tanzschritt oder die Bedeutung einer Tracht kennenlernen.
Morgen werden sie es sein, die all dies ihren eigenen Kindern weitergeben.
Wenn uns das gelingt, dann hat unsere Arbeit ihren Sinn erfüllt.
Denn der Erfolg eines Kulturvereins misst sich nicht nur an der Zahl der Festivals, an denen er teilnimmt, an den Bühnen, auf denen er auftritt, oder am Applaus, den er erhält.
Der wahre Erfolg zeigt sich in dem, was bleibt, wenn eine Generation weiterzieht.
Und in Pilur haben wir gesehen, dass etwas bleibt.
Wir sahen junge Menschen aus der Schweiz auf albanischem Boden tanzen.
Wir hörten eine junge Frau mit Wurzeln in Gjakova und einen jungen Mann mit Wurzeln in Tetova – beide in der Schweiz geboren – in Pilur ein labeisches Lied singen.
Wir sahen unsere «Shqiponjat» auf der Bühne ein Werk aufführen, das Lefter Çipa gewidmet ist – ausgerechnet an seinem Geburtsort.
In diesem Moment verstanden wir, dass die Tausenden Kilometer zwischen der Schweiz und den albanischen Heimatregionen nicht so weit sind, wie sie scheinen.
Denn es gibt einen Weg, der stärker ist als jede Entfernung.

Der Weg der Erinnerung.
Der Weg der Kultur.
Der Weg der Sprache.
Der Weg des Gesangs und des Tanzes.
Der Weg zurück zu den Wurzeln.

Solange unsere Kinder diesen Weg weitergehen, wird Bashkimi seine Mission erfüllt haben.
Und solange ein albanisches Kind, das fern der Heimat geboren wurde, eine Bühne betritt, die albanische Tracht trägt und voller Stolz den ersten Schritt unseres Tanzes setzt, wird unsere Kultur nicht nur eine Erinnerung an die Vergangenheit sein.
Sie wird eine Zukunft haben.
Von der Schweiz nach Pilur nahmen unsere «Shqiponjat» nicht nur ihre Tänze mit.
Sie trugen die Geschichte ihrer Eltern mit sich.
Sie trugen die Wurzeln ihrer Grosseltern mit sich.
Und sie zeigten uns, dass sie bereit sind, all dies an die kommenden Generationen weiterzugeben.
Denn man kann weit entfernt von der Heimat seiner Vorfahren geboren werden.
Man kann inmitten einer anderen Sprache und einer anderen Kultur aufwachsen.
Man kann Tausende Kilometer entfernt leben.
Doch wenn man weiss, woher man kommt, kann keine Entfernung die Verbindung zu den eigenen Wurzeln trennen.
Und in jener Nacht in Pilur tanzten unsere «Shqiponjat» nicht einfach nur auf einer Bühne.

Sie tanzten auf den Spuren einer jahrhundertealten Kultur – und hinterliessen dort die Spuren ihrer eigenen Generation.

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